Sekem – ein Zukunfts-Modell in Ägypten

Haben Sie vielleicht schon einmal Orangensaft von Voelkel genossen, den es in unserem Hofladen gibt? Die Zutaten dafür könnten von der ägyptischen Sekem-Initiative gekommen sein. Verglichen mit dem hof in Niederursel ist dieses Projekt in der Nähe von Kairo zwar ein großes Unternehmen. Aber im Blick auf Ägypten mit seinen fast 100 Millionen Einwohnern dann doch wieder eher klein. Trotzdem will Sekem selbstbewusst zeigen, was es als „Leuchtturmprojekt“ für den Wandel eines ganzen Landes leisten kann.

Die Sekem-Initiative ist vor über 40 Jahren in Ägypten von Ibrahim Abouleish gegründet worden. Wo es damals nur Wüste gab, ist durch seine Tatkraft im Laufe der Jahre ein blühender sozialer Organismus entstanden. Als eine Synthese von Orient und Okzident, aus Goethe, dem Islam und der Anthroposophie hat man das Projekt bezeichnet. Inzwischen arbeiten und lernen hier über 2000 Menschen, noch viele mehr sind in ganz Ägypten mit Sekem vernetzt. Biodynamische Landwirtschaft, biologische Baumwollzucht und -Verarbeitung, Heilkräuter und Tee sind Schwerpunkte des Wirtschaftslebens in Sekem, eine an die Waldorfpädagogik angelehnte Schule und die Heliopolis Universität mit zahlreichen Fakultäten repräsentieren den Kulturbereich.

Für Helmy Abouleish, der nach dem Tod seines Vaters heute Sekem leitet, sind auch die vielfältigen internationalen Verflechtungen wichtig. Auf UN-Ebene, beim Weltwirtschaftsforum in Davos oder auf Klima- und Ökologiekonferenzen hält er den Kontakt mit wichtigen Organisationen und Menschen.

In diesem Jahr hat Abouleish gemeinsam mit dem Mitarbeiterkreis ein ambitioniertes Projekt vorgestellt: Sekem will Inspiration sein für einen gesellschaftlichen Wandel in Ägypten auf allen relevanten Gebieten: 16 Visions-Ziele von nachhaltigem Wassermanagement bis zu erneuerbaren Energien, von Potenzialentfaltung in der Bildung bis zu abfallloser Kreislaufwirtschaft reichen die Ziele. Dazu sagt Helmy Abouleish: „Im Rahmen dieser 16 Ziele haben wir bereits etliche Projekte auf den Weg gebracht, die alle unterschiedlich weit fortgeschritten sind. Einige sind bereits so weit, dass sie eine Systemrelevanz für Ägypten erreicht haben. Andere sind noch in der Phase der Erforschung oder Modell-Entwicklung. Die 16 Visionsziele sollen Lösungsmodelle für die Herausforderungen der heutigen Zeit darstellen, mit denen wir unsere Vision von einer nachhaltigen Zukunft Ägyptens realisieren können.“

Die Sekem „Mutterfarm“ ist dabei immer Modell für den weiteren Umkreis: „Im ersten Schritt wollen wir die Jahre bis 2027 dafür nutzen, die Visionsziele für Ägypten innerhalb Sekems bereits vollständig zu realisieren. Denn hier haben wir es selbst in der Hand, alles für die Umsetzung Nötige zu tun.“ In den dann folgenden 30 Jahren – also etwa im Zeitrahmen einer Generation – soll dann ganz Ägypten im Sinne der Nachhaltigkeit umgestaltet werden – was für ein ehrgeiziges Ziel! Aber ist das nicht auch etwas utopisch?

„Unsere 2057er Vision von Ägypten mag für die heutige Ausgangssituation ähnlich absurd klingen wie einst bei der Gründung von Sekem die Vision einer nachhaltigen Initiative in der Wüste“, meint Helmy Abouleish. „Inzwischen wissen wir aber, dass Visionen dieser Art unglaubliches Potenzial in sich tragen. Am Anfang steht kein Masterplan, sondern eine Idee, die in die ersten Taten umgesetzt wird, wenn die Umstände in irgendeiner Form gegeben sind. Möge sie scheitern, möge sie sich entfalten – solange das Nötige getan und kritisch begleitet wird, kann sich der weitere Weg finden.“

Für diese große Aufgabe, so ist Abouleish überzeugt, genügt es nicht, nur auf den ökonomischen Fortschritt zu setzen. Eine allseitige Entwicklung der beteiligten Menschen ist wichtig. Deshalb dürfen alle Mitarbeiter:innen von Sekem im Rahmen des sogenannten Core Programs kontinuierlich geistige und künstlerische Tätigkeiten im Arbeitsalltag üben. Die Grundlagen zu dieser Entwicklungsarbeit entstammen unterschiedlichen Quellen. Die Philosophie Rudolf Steiners wird dabei ebenso herangezogen wie die Weisheit des Koran, in dem sich überraschenderweise oft auch Hinweise auf ein modernes, nachhaltiges und ökologisches Bewusstsein entdecken lassen. „Wir erkennen immer deutlicher, dass in der heutigen Zeit vieles von einem überwiegend auf den Verstand und auf das Materielle ausgerichtete Bewusstsein geprägt ist. Kunst, Kultur, Emotionen oder Spiritualität kommen dabei oft zu kurz“, so Abouleish. „Mit unserer Vision von Ägypten 2057 und unseren Zielen für Sekem bis zum Jahr 2027 wollen wir nun eine weitläufige Relevanz erreichen, die einen Systemwandel unterstützt.“

Buchtipp: Helmy Abouleish mit Christine Arlt: Sekem Inspirationen. Impulse für einen zukunftsfähigen Wandel, Info3 Verlag 2022, € 22,-