Leben in unsicheren Zeiten. Die Pandemie als Prüfung der Gesellschaft

Leben in unsicheren Zeiten
Die Pandemie als Prüfung der Gesellschaft
Autor: Jens Heisterkamp

Leben in unsicheren Zeiten

Corona lässt niemanden kalt, denn die Pandemie ist eine große Prüfung für uns als Gesellschaft. Die nach dem Krieg geborene Generation hat noch keine vergleichbare Krise mit derartig einschneidenden Maßnahmen bis in den persönlichen Bereich erlebt. Einschränkungen von Besuchen und Reisen, geschlossene Läden und Schulen, Verbot von Veranstaltungen aller Art – die allgegenwärtige Maske signalisiert den Ausnahmezustand.

Natürlich ist auch in die Familien die neue Corona-Realität eingezogen. Besonders wissen davon die Mütter ein Lied zu singen, die doppelt beansprucht sind: Home Office und Home Schooling sind gleichzeitig zu bewältigen, der Computerbildschirm ist in vielen Haushalten zum neuen Familienmitglied geworden.

Wer denkt an die Kinder?

Schon den Kleinsten muten wir in Corona-Zeiten viel zu. Die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderhilfswerks, Anne Lütkes, schlug schon im Frühjahr in einem Zeitungsinterview Alarm: politische und bürokratische Unfähigkeit werde auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Lütkes Wahrnehmungen, die stellvertretend für viele sind, bezogen sich auf „vielerorts dramatische Berichte aus Kinder- und Jugendarztpraxen, aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Krankenhäusern“. Ängste, Vereinsamung, Unsicherheiten und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen als auch innerfamiliäre Konflikte hätten in der Pandemie deutlich zugenommen. „Familien fühlen sich ohnmächtig, immer mehr Kinder niedergeschlagen und ängstlich“, ergänzte ein Sprecher des Kinderschutzbundes in einem Interview.

Obwohl eine überwiegende Anzahl von Studien Kinder und Jugendliche als Treiber des Infektionsgeschehens ausschließt, bekommen es tatsächlich gerade die Kinder ab: Geschlossene Tagesstätten, Freunde und Großeltern, die nicht besucht werden dürfen, alles ist anders in Corona-Zeiten. Schülerinnen und Schülern wird regelmäßig die Testprozedur zugemutet, sonst sollen Schulen dicht bleiben. In Bayern wurde sogar angeordnet, dass auch die Kleinsten im Falle von Erkältungssymptomen nur noch mit einem ärztlichen Corona-Test eine Kindertagesstätte besuchen dürfen. Die befremdliche Prozedur, ein Stäbchen tief in die Nase geschobenen zu kriegen – auch für begleitende Eltern nichts Angenehmes.

Zum Glück sind Kinder anpassungsfähig und im Rahmen einer sicheren Bindung lässt sich vieles für sie „abfedern“. Umgekehrt aber können sich auch Ängste und Stress von uns Erwachsenen auf sie übertragen. „Wenn du dich nicht richtig verhältst, stirbt die liebe Oma“ – solche extremen Verängstigungen wurden leider sogar von Spitzenpolitikern wie Markus Söder öffentlich betrieben. „Es geschieht hier eine nicht gerechtfertigte Beziehungsstörung zwischen Kindern und Großeltern“, kommentiert die anthroposophische Kinderärztin Karin Michael solche Schuldzuschreibungen. „Kinder sollten lernen, dass sie der Welt und den Mitmenschen Freude, Lachen, Kraft, Hoffnung und Liebe bringen!“, so die Medizinerin in einem Aufruf, der von zahlreichen Kinderärzt*innen und Pädagog*innen unterzeichnet wurde. Maskentragen müssen zum Glück erst die Älteren, aber was macht es mit kleinen Kindern, wenn sie über Monate hinweg als potenzielles Infektionsrisiko behandelt werden?

Welche Langzeitfolgen der Lockdown für viele Kinder haben wird, ist noch gar nicht abzusehen. Hier wirkt sich außerdem aus, dass viele für die Corona-Beschränkungen Verantwortliche kaum Erfahrungen davon haben, was diese Maßnahmen gerade in eher einkommensschwachen und bildungsfernen Familien anrichten. Abgesehen von gravierenden schulischen Lücken besonders da, wo Eltern im Homeschooling nicht als Ersatzlehrer zur Verfügung stehen, erwarten Fachleute vermehrte Gewalterfahrungen, Gewichtszunahmen, Bindungsstörungen und Angst-Traumata.

Beziehungen und Polarisierungen

Corona belastet uns alle. Aber lernen wir nicht auch etwas in der Krise? Gegenseitige Hilfe im Alltag scheint vielfach zu funktionieren, wir haben den Wert von Beziehungen wieder neu schätzen gelernt und eine reale, verkörperte Begegnung erleben wir wieder als etwas Besonderes. Auch die Kinder hatten irgendwann die Nase von Bildschirmschule voll und freuten sich wieder auf echte Schule mit echten Freunden.

Corona ist aber auch eine Prüfung unserer Gelassenheit und Toleranz mit unseren Mitmenschen, weil die Meinungen zu diesem Thema so stark auseinanderklaffen. Sind die Maßnahmen in dieser Radikalität gerechtfertigt? Oder müssten sie noch viel härter sein? Skepsis gegenüber der Vorherrschaft von Statistiken steht der Sorge um das Infektionsgeschehen oft schroff gegenüber. Und so schwer es fällt – manchmal geht es schlicht darum, Dinge einfach stehen zu lassen, die nicht auf Anhieb zu entscheiden sind.

Und sich auch immer wieder zu sagen: Es gibt doch noch andere Probleme als eine – wenn auch manchmal schwerwiegend verlaufene – Viruserkrankung. Denn manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass mit Corona das große Vergessen begonnen hat. Wo sind all die anderen Krisen hin? Was ist mit dem Klimawandel oder der weltweiten Migration? Während wir täglich wie gebannt auf die Corona-Fallzahlen schauen, sterben im Jemen und anderswo jeden Tag Tausende an Hunger, brennen Urwälder und das weltweite Artensterben geht unvermindert weiter.

Hier gilt es immer wieder, den Tunnelblick zu vermeiden. Könnte Corona vielleicht sogar die vor der Krise schon begonnene „Ökologisierung der Gesellschaft beschleunigen“, wie es der Zukunftsforscher Matthias Horx optimistisch vermutet? Schließlich hält Deutschland „dank Corona“ gegenwärtig sogar die Klimaziele ein. Und Corona zeigt auch, dass es sich sehr wohl mit „weniger“ ganz gut leben lässt: der Kurztrip nach London und die Fernreise nach Thailand müssen nicht sein, die wöchentliche Shopping-Tour ebenfalls nicht, es geht alles auch mehr lokal und einen Gang ruhiger.

Corona ist eine Lehrmeisterin für die Kunst, in unsicheren Zeiten möglichst gelassen zu leben. Angesichts schwankender Prognosen immer wieder zu versuchen im Hier und jetzt zu tun, was zu tun ist. Und aus der Geschichte zu lernen, dass es auch bei anderen Krisen ein „Danach“ gegeben hat.