„Es geht um das Abwägen von Verhältnismäßigkeit“

„Es geht um das Abwägen von Verhältnismäßigkeit“

Dr. med. Michaela Glöckler, anthroposophische Kinderärztin im Gespräch mit Herrn Jens Heisterkamp

Ihr Buch Kindersprechstunde ist eines der meistgelesenen Ratgeber für Eltern und ihr ganzes Leben lang hat sie für die Entwicklung der Anthroposophischen Medizin gearbeitet. Jetzt setzt sich die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler besonders für die Belange der Kinder in der Pandemie ein.

Frau Glöckler, was machen die Corona-Maßnahmen, macht diese besondere Zeit Ihrer Wahrnehmung nach mit den Kindern?

Meine Grundempfindung geht dahin, dass es unglaublich verschieden ist. Ich habe es selten als so schwer erlebt wie jetzt in der Pandemie, generell etwas über Kinder zu sagen. Wir kennen die alterstypischen Entwicklungsphasen und Verhaltensweisen, aber jetzt in der Pandemie merke ich ganz stark vor allem in der Vorschulzeit, wie sehr alles davon abhängt, in welcher Art und Weise die
Eltern diese Zeit erleben. Wenn Angst und Sorge um die Oma herrschen, ein Vater seinen Job verliert, eine Mutter durch ihre Doppelbelastung von Beruf und Familie in heillosen Stress gerät, wenn ein pubertierender Bruder zuhause sitzt und mit dem Abspielen lautester Musik seinem Frust Ausdruck gibt – da ist ein Kind im Vorschulalter absolut preisgegeben und es geht ihm nicht gut. Und
hart daneben – ebenfalls enge Wohnverhältnisse: Eine alleinerziehende Mutter, es leben noch andere Mitglieder in der Wohngemeinschaft, die Erwachsenen aber sind sich einig: Wir bleiben gesund, das Leben geht weiter; es wird mit dem Kind gesungen, es bekommt Anregungen zum Basteln und Malen und es freut sich, dass es zu Hause sein darf. Das kann ein Unterschied sein wie Tag und Nacht. Ich kann daher nicht sagen, die Pandemie macht dies oder das, ich kann aber sagen: Die Pandemie verstärkt enorm und macht sichtbar, wie es den Erwachsenen geht, und welche Konsequenzen das für die Kinder hat.

Wie sieht es in den Einrichtungen für Vorschulkinder und bei den älteren Kindern aus?

Da habe ich mit großer Dankbarkeit Beispiele erfahren, wie sich Erzieherinnen während der Schließung rührend um die Kinder gekümmert haben, die Familien besucht haben und sich persönlich ein Bild gemacht haben, wie es den Kindern geht und was man für sie und mit ihnen tun kann. Bei den Älteren hängt sehr viel von der Peer-Group ab, von den Freundinnen und Freunden, von Eltern und Lehrer:innen, aber da merkt man dann vor allem bei den Kindern in der Pubertät die unterschiedliche individuelle Betroffenheit, wie sehr sie abhängig sind von guten emotional- stabilisierenden Kontakten. So hat das Züricher Kinderspital zum Beispiel eine Verdoppelung der Jugendsuizide und Suizidversuche gemeldet.

Bei den älteren Jugendlichen erlebe ich, wie sie sich zum Teil doch oft auch alleingelassen fühlen, wenn sie erleben, dass die Erwachsenen sich über die Corona-Maßnahmen nicht einig sind. Sie sind ja in einem Alter, wo man die Dinge in ihren ganzen Zusammenhängen noch nicht beurteilen kann und deshalb geneigt ist, sich am Mainstream oder an der Gruppe zu orientieren. Sie sind noch eher
abhängig von dem, „wie man es so macht“ oder was „in“ ist. Da erlebe ich zum Teil eine enorme Anpassung der Jugendlichen an die geltenden Corona-Maßnahmen, sie finden die Maske cool, melden vielleicht sogar Lehrer, die sie irgendwo ohne Maske gesehen haben. Da wird interessanterweise die pubertäre Absetzung von der Familie kombiniert mit der Anpassung an die staatlichen Vorgaben.

Was empfehlen Sie gestressten Eltern in dieser besonderen Zeit zur Stärkung? Was kann uns unterstützen?

Ich habe mich ja intensiv beschäftigt mit dem Herzen und seiner Rolle für das Immunsystem. Und meine wichtigste Botschaft lautet: Wenn man sich selbst und sein Umfeld gesund halten möchte ist es gut, darüber zu meditieren: Was ist eigentlich Herzlichkeit? Was sind echte menschliche Werte, was zählt wirklich im Leben? Es kommt aus meiner Sicht darauf an, die Liebe zum Augenblick, zum menschlich gestalteten Augenblick, ganz neu zu entdecken.

Was Kinder am meisten brauchen sind liebevolle Erwachsene. Eine Geschichte aus der Kindheit meines verstorbenen Mannes, der den Krieg noch erlebt hat, hat mich immer sehr berührt. Er erzählte, wie es das Schlimmste für ihn war, wenn er in Stuttgart im Luftschutzbunker die vor Angst schreienden Erwachsenen erleben musste. Aber dann war da seine Mutter, die ihn sicher auf dem
Schoß hielt und ihm sagte: Uns kann nichts passieren! Sie war voller Gottvertrauen, und das hat dem Kind Sicherheit verliehen. Und so ein In-Sich-Ruhen, das kann gerade von gestressten Erwachsenen heute wieder entdeckt werden, die Möglichkeit, dass wir die Ewigkeit in uns haben, den gelebten, durchmenschlichten und durchherzlichten Augenblick.

Das wäre gut, wenn Kinder das erleben können!

Und wenn Sie es nicht erleben können, dann wünsche ich ihnen Menschen in ihrem Umkreis, die gibt es in der Regel, die ihnen helfen, diese innere Sicherheit zu erwerben. Denn in der üblichen Schulbildung lernt man das nicht. Gerald Hüther sagt in seinem Buch über die Würde, das ich sehr schätze, dass wir durch unsere heutige Schulbildung dieses innere Wertebewusstsein verlieren. Daher müssen viele Erwachsene heute für sich nachholen, dieses Gefühl der eigenen Würde als Mensch zu entwickeln. Das kann man nicht predigen, aber man kann sich gegenseitig dabei helfen, es zu entwickeln.

Link zum „Memorandum“ von Michaela Glöckler und Andres Neider zur Corona-Krise:
www.akanthos-akademie.de/2021/03/31/memorandum-ostern-2021/

Eine erweiterte Fassung dieses Interviews ist im Themenheft „Corona und die Kinder“ der Zeitschrift info3 erschienen

Michaela Glöckler, Dr. med., Kinderärztin. Bis 1987 am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und schulärztliche Tätigkeit an der Rudolf-Steiner-Schule Witten, 1988 bis 2016 Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum/Schweiz, Mitbegründerin der Alliance for Childhood und der Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie/ELIANT. Internationale Vortrags-und Seminartätigkeit, zahlreiche Publikationen.