Das Positive stärken: Erfahrungen der Psychotherapie in Zeiten der Pandemie

Das Positive stärken: Erfahrungen der Psychotherapie in Zeiten der Pandemie

Im Gespräch mit den hof-Therapeuten Andrea Engler und Peter Hanhörster

Frau Engler, Herr Hanhörster, Sie arbeiten hier am „hof“ als Psychotherapeuten. Kommen während der Pandemie Menschen mit besonderen Fragen auf Sie zu?

Hanhörster: Zu mir kommt eine Angehörige, welche direkt zu Beginn der Pandemie Mutter und Schwester mit Covid-19 verloren hat. Die anderen, die sich schon in Behandlung befinden, beklagen vor allem die Auswirkungen der Maßnahmen, auffallend wenige zeigen Angst vor einer möglichen Infektion und ganz wenige reagieren im Sinne der sogenannten „Querdenker“.

Engler: Wir erleben, dass in der Pandemie die üblichen Gesundheitsstrategien, wie z.B. soziale Kontakte pflegen oder viel in Bewegung sein verloren gehen. Eine Studie der WHO zeigt, dass insbesondere Kontaktmangel ein starkes Gesundheitsrisiko darstellt, sowohl für alte als auch junge Menschen. Wir können im Moment sehen, dass Frauen insbesondere unter der Doppelbelastung von Home-Office und Home-Schooling leiden, das häusliche Gewalt zunimmt, dass Menschen in Sorge um die Entwicklung der Kinder und ihre Existenz (entweder durch Kurzarbeit oder durch den drohenden Verlust der Selbständigkeit) sind und Krankheitsängste zunehmen.

Wie können Sie als Therapeuten da helfen?

Hanhörster: Wir können dabei helfen, sich an die Situation anzupassen und bisherige Ressourcen zu verstärken.
Engler: Wir versuchen die Selbstwirksamkeit der Menschen wieder zu stärken, indem wir gemeinsam überlegen, wie soziale Kontakte aktiviert oder reaktiviert werden können, wen man online oder auch real treffen kann und festzustellen, dass Spazierengehen als eine gesundheitsaktivierende und gleichzeitig soziale Kontakte fördernde Maßnahme zu sehen ist, wenn ich dies mit meiner Freundin oder einem Bekannten unternehme. Wir versuchen positive Aktivitäten zu definieren und umzusetzen, damit Menschen erkennen, es geht mir besser, wenn ich aktiv werde. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit negativen, nicht hilfreichen Gedanken, die in solchen Momenten verstärkt auftauchen. Anstatt zu denken „keiner ist für mich da“ eher den alternativen Gedanken zuzulassen „alle sind zurzeit belastet, das hat nichts mit mir zu tun“.

Hanhörster: Die Abkehr von negativen Gedanken ist bei manchen Patienten allerdingt recht schwer. Wer beispielsweise als Asthma-Patient keine Maske tragen kann und ohnehin Selbstwertprobleme hat, bekommt derzeit noch mehr Stress, beispielsweise beim Fahren mit der U-Bahn. Da kann es zu einer Verstärkung ohnehin vorhandener depressiver Gedanken kommen. Das erlebe ich auch bei anderen, diese Verunsicherung: „Mache ich etwas falsch? Bin ich richtig?“ Und bei denen, die ohnehin Schwierigkeiten haben, mit dem Leben zurechtzukommen, kann es dann sehr eng werden. Auch hier geht es darum, das Positive zu bestärken, aufzuzeigen, was trotz allem gelingt.

Spielt es da auch eine Rolle, dass schon seit längerem bei Corona kein richtiges Ende abzusehen ist und wir alle wie in einer Endlos-Schleife feststecken?

Engler: Das ist selbstverständlich eine große Belastung. Ein achtsamer Umgang mit sich selbst und anderen hilft an dieser Stelle. Es ist gut, sich selbst gegenüber einzugestehen, dass man verunsichert, verärgert oder auch verängstigt ist. Es gibt nicht die einfache Lösung aus dieser Situation heraus, sondern eine Vielzahl von möglichen Maßnahmen und Lösungen. Wenn ich mir eingestehe, dass ich selbst nicht die eine Lösung kenne, sondern wir gemeinsam danach suchen, kann ich mithelfen in meinem Bereich. Ich kann versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Dies haben wir ja auch im ersten Lock-down gut beobachten können. Mit anderen sprechen, für mich selbst sorgen, für eine Gemeinschaft sorgen, das kann helfen und sinngebend sein.

Als Therapeuten haben Sie einen professionellen Blick auf psychische Probleme. Haben Sie auch Ideen dazu, wie es uns als Gesellschaft, als Kollektiv derzeit in psychischer Hinsicht geht?

Hanhörster: Mein fachlicher Blick hat mir von Beginn an gesagt, dass wir bzw. viele oder „die Politik“ bei dieser Pandemie hauptsächlich aus Angst heraus reagieren. Die Angst überwiegt und leider auch ein Verhalten, das die Angst nicht unbedingt mindert. Die Nachrichten mit den täglichen Infektionszahlen, ohne dass einmal auch etwas Positives berichtet wird, das ist alles sehr angstgesteuert. Traumatisierte Menschen machen folgende Erfahrung: das, was sie früher als sicher angenommen haben, ist nicht sicher. Der Mensch wähnt sich aber gerne in Sicherheit, um gut weiterleben zu können. Deswegen fokussieren wir in der Therapie nicht ausschließlich die möglichen – weiteren – Gefahren, sondern vor allem die hilfreichen Faktoren und Verhaltensweisen.

Engler: Angst ist grundsätzlich eine wichtige Basis-Emotion, die als Schutzfunktion dient. Wenn allerdings keine Strategien zur funktionalen Bewältigung vorliegen, kommt es zu vermeidendem Verhalten, da das Ziel die Reduktion der Angst ist. Dies kann Sicherheitsverhalten, Ablenkungsverhalten oder Vermeidungsverhalten sein. Das erklärt auch, warum einige Menschen unglaublich viel Information suchen, da es ihnen Sicherheit gibt. Andere lenken sich ab und versuchen, sich nicht mit diesem Thema zu konfrontieren. Wiederum andere vermeiden alles, was vermeintlich Gefahr bedeutet. Diese Menschen nehmen irgendwann nur noch Gefahr wahr. Unter normalen Umständen würde man mit all diesen Menschen die Konfrontation mit diesen Ängsten suchen, also ein sogenanntes Expositionstraining durchführen. Das ist natürlich in der gegenwärtigen Situation nicht angeraten. Vielleicht können wir das nachholen, wenn wir mehr über die Erkrankung wissen und besser einschätzen können, was reale und irreale Ängste sind.

Wir haben alle schon bestimmte Verhaltensmuster verinnerlicht, oder?

Engler: Ja, das stimmt. Wenn wir uns derzeit einen Film aus der Vor-Coronazeit ansehen, in dem sich Menschen umarmen oder in Cafés sitzen, ist da sofort ein Gedanke: „Hey, was ist mit Corona?“ Es wird spannend, ob dieser Gedanke, dieser Rückweichreflex wieder zurückgehen wird. Normalerweise beginnen und enden Therapien mit einem Handschlag. Jetzt vermeiden wir die menschliche Nähe. Gerade auch für Kinder ist das ein furchtbares Signal.

Hanhörster: Aber es gibt ja auch andere Reaktionen. In meinen Augen ist die gegenseitige Wahrnehmung beim Abstandhalten und Rücksichtnehmen gestiegen. Dies nicht nur im physischen Bereich, sondern auch was Grundhaltungen angeht. Die meisten scheinen den Umgang des jeweils anderen mit der Pandemie zu respektieren, da ja letztendlich noch keiner genau weiß, was „richtig“, sinnvoll oder zielführend ist. Und nicht zuletzt krempelt diese Krisensituation einiges um: Einkaufen, Urlaub, Essengehen, Arbeitsort, Einkommen, so dass Vieles, was früher wie selbstverständlich schien, nun in Frage gestellt ist. Diese sehr breite Verunsicherung ist eine riesige gesellschaftliche Herausforderung.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung heraus Anzeichen, ab wann man es bei sich selbst mit einer ernstzunehmenden Problematik, einer Angststörung etwa, zu tun hat?

Engler: Angsterkrankungen und affektive Störungen gehören im Erwachsenenalter zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Wir können davon ausgehen, dass sich dies auch in der Pandemie nicht wesentlich verändert. Eventuell werden Suchterkrankungen weiter zunehmen. Therapeutische Hilfe sollte aufgesucht werden, wenn in Lebenssituationen plötzlich Angst oder Panik auftritt, begleitet von körperlichen Symptomen. Wenn sich daraufhin Vermeidungsverhalten zeigt, sollte unbedingt eine psychotherapeutische Sprechstunde aufgesucht werden, um einer Chronifizierung entgegenwirken zu können. Wenn sich Niedergeschlagenheit oder Verlust an Freude einstellt und dies dazu führt, dass jeder Kontakt mit anderen als Belastung empfunden wird, oder wenn Freunde eine Veränderung der Persönlichkeit zurückmelden, wäre eine Kontaktaufnahme zu einem Psychotherapeuten hilfreich.

Hanhörster: Wenn Corona zum ausschließlichen Thema wird, das alles andere verdrängt, oder wenn man gar körperliche Symptome bekommt, Kopfschmerzen oder Schlaf- und Appetitstörungen ohne körperlich erkrankt zu sein, dann sind das deutliche Alarmzeichen. Es gibt auch das Bild der Verbitterungsstörung, bei der die Zuversicht und die Lebensfreude wegfallen.

Wenn so etwas sich abzeichnet, sollte man professionelle Beratung aufsuchen, oder?

Engler: Ja, wenn das Leben fühlbar, sichtbar anders wird, wenn ich mich selbst anders wahrnehme, wenn ich den Eindruck habe, dass in mir nur Leere oder um mich herum nur Schwere ist, wenn sich die Rückmeldung meiner Mitmenschen auf mein Verhalten ändert, sollte ich Kontakt zu einem Psychotherapeuten oder aber auch zu meinem Arzt aufnehmen.

Was kann man tun, wenn man kurzfristig keinen Termin bekommt?

Engler: Das ist zurzeit leider ein großes Problem. Die Patientenanfragen haben sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent erhöht. Dies gibt eine aktuelle Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) im Februar 2021 wieder. Neben den Adressen auf der Seite www.arztsuche-hessen.de oder der Terminservicestelle (TSS) der KV Hessen, können Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen eine gute erste Anlaufstelle darstellen.

Eine abschließende Frage: Wie gehen Sie selbst mit dieser Situation um?

Hanhörster: Als Psychotherapeuten arbeiten wir ja stark als Wahrnehmende. Und von Beginn der Pandemie an habe ich versucht zu beobachten, was passiert hier eigentlich gesellschaftlich? Ich selbst schwimme dabei nicht vollständig mit den Reaktionen der Politik mit und halte manches auch für überzogen. Ich finde es schade, dass man in der Politik nicht versucht hat, verschiedenste Experten aus unterschiedlichen Gebieten heranzuziehen, es ist sehr reduziert auf einige wenige Fachleute. Auf der anderen Seite versuche ich manchen Maßnahmen auch etwas Positives abzugewinnen, so hat etwa das Abstandhalten doch auch etwas Interessantes, weil wir durch den Abstand den anderen Menschen eigentlich mehr wahrnehmen, etwa wenn man in einer Schlange steht.
Engler: Ich überlege bei den angebotenen Informationen oft, ob dies hilfreiche neue Informationen sind, die helfen, die Lage besser einschätzen zu können. Ich versuche zu unterscheiden, ob etwas eine reale oder irreale Angst ist. Ich übe mich darin, nicht alle Nachrichten zu hören oder zu lesen, sondern diese nur einmal am Tag zu konsumieren. Ich versuche zu entkatastrophisieren, indem ich mich frage, was der normale Menschenverstand dazu sagt.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Jens Heisterkamp.

Internetseiten zur weiteren Orientierung:
deutschepsychotherapeutenvereinigung.de/presse/pressematerial
who.int

Leitfaden der Kassenärztlichen Vereinigung
FLYER_Corona_Patienten.pdf (2,8 MB)

Verzeichnis der Selbsthilfegruppen Raum Frankfurt
selbsthilfe-frankfurt.net